Fundstück Nr. 6 - "Als der Kulturkampf auch Velen und Ramsdorf erreichte"


Die Ursachen dieses Konflikts reichen bis in die Zeit der napoleonischen Herrschaft zurück. In weiten Teilen Europas wurde der Einfluss der Kirchen auf Politik und Gesellschaft zunehmend zurückgedrängt. Gleichzeitig gewannen politische Strömungen wie Liberalismus und Sozialismus an Bedeutung, die einen stärkeren Staat und eine Trennung von Kirche und Politik forderten.

Demgegenüber entwickelte sich innerhalb der katholischen Kirche der sogenannte Ultramontanismus. Diese Bewegung setzte auf eine enge Bindung an den Papst und forderte einen selbstbewussten politischen Katholizismus. Ausdruck dieser Entwicklung war unter anderem die Gründung der Zentrumspartei im Jahr 1870.

Im neu gegründeten Deutschen Kaiserreich verschärften sich die Spannungen zwischen Staat und Kirche. Reichskanzler Otto von Bismarck reagierte mit einer Reihe von Gesetzen, die den Einfluss der katholischen Kirche einschränken sollten. Geistliche wurden in ihrer Tätigkeit kontrolliert, Ordensgemeinschaften verboten, staatliche Aufsicht über Schulen eingeführt und finanzielle Zuwendungen gekürzt.

Akte c/235 - 2

Im katholisch geprägten Münsterland stießen diese Maßnahmen auf erheblichen Widerstand. Auch in Velen und Ramsdorf wurden die Entwicklungen aufmerksam verfolgt. Der damalige Amtmann Roters schrieb Anfang 1873 von einer anhaltenden „Aufregung“ in der Bevölkerung, die durch die neuen Gesetze ausgelöst worden sei.

Ein im Stadtarchiv erhaltenes Schriftstück dokumentiert die konkrete Umsetzung dieser Maßnahmen vor Ort. Grundlage war das Gesetz über die Vermögensverwaltung in den katholischen Kirchengemeinden vom 20. Juni 1875. Es entzog dem Klerus die alleinige Verfügungsgewalt über das Kirchenvermögen und führte gewählte Kirchenvorstände ein, die künftig an den Entscheidungen beteiligt werden sollten.

Am 26. Oktober 1875 lud Landrat Bucholtz den Velener Pfarrer Gebbing sowie den neu gewählten Kirchenvorstand zu einer ersten Sitzung in die Knabenschule Velen ein. Das Dokument verdeutlicht, wie politische Entscheidungen des Kaiserreichs bis in die örtlichen Kirchengemeinden hineinwirkten.

Mit der Zeit verlor Bismarck jedoch die politische Unterstützung für seinen Kurs. Gleichzeitig rückte die Bekämpfung der Sozialdemokratie stärker in den Fokus der Reichspolitik. Nach dem Tod von Papst Pius IX. verbesserten sich zudem die Beziehungen zwischen Preußen und dem Vatikan. Mit den sogenannten Friedensgesetzen von 1887 wurde der Kulturkampf schließlich offiziell beendet.

Die Ereignisse hinterließen jedoch langfristige Spuren. Viele Menschen in Velen und Ramsdorf fühlten sich durch die Maßnahmen des Staates in ihrem Glauben angegriffen und entwickelten eine starke Bindung an die Zentrumspartei, die über Jahrzehnte das politische Leben der Region prägte.

Das aktuelle Fundstück zeigt eindrucksvoll, wie große politische und gesellschaftliche Konflikte des 19. Jahrhunderts auch das Leben in den Gemeinden Velen und Ramsdorf beeinflussten.

Quellen:

  • Stadtarchiv Velen, B/40 und B/81
  • Josef Barnekamp: Velen und Ramsdorf 1803–1918. Geschichte(n) eines langen Jahrhunderts, Velen 1995
  • Deutsches Historisches Museum