FundstückFreitag #9: Als Schloss Velen zur Zollschule wurde


Das ursprüngliche Schloss Velen brannte im April 1931 ab und wurde in den Folgejahren äußerlich weitgehend unverändert wieder aufgebaut. Von den umfangreichen Bauarbeiten profitierte auch die örtliche Bevölkerung: Sämtliche Arbeiten wurden von Handwerkern und Gewerbetreibenden aus der Umgebung ausgeführt und sorgten für einen spürbaren wirtschaftlichen Aufschwung. Die Grundsteinlegung am 28. März 1934 wurde von großen Feierlichkeiten in Velen begleitet.

Akte c/235 - 2

Noch im selben Jahr begann ein neues Kapitel in der Geschichte des Schlosses. 1934 wurde es als Wehrsportschule beziehungsweise „SA-Sportschule“ genutzt. Im September zogen rund 180 Schüler ein. Die Nutzung führte jedoch sowohl zu finanziellen Problemen und Spannungen mit Teilen der Zivilbevölkerung als auch zu Schwierigkeiten infolge der politischen Entwicklungen auf Reichsebene. Im Zuge der sogenannten „Nacht der langen Messer“ im Sommer 1934 wurde die Führung der SA um Ernst Röhm entmachtet.

Anschließend diente das Schloss zeitweise der Unterbringung einer österreichischen SA-Legion. Zu diesem Zeitpunkt stand allerdings bereits fest, dass die Reichszollverwaltung das Gebäude künftig als Zollschule nutzen sollte.

Nach entsprechenden Umbauten wurde die Zollschule am 26. September 1935 eröffnet. Große Feierlichkeiten folgten am 6. Oktober. Die Rede des Ministerialdirektors Ernst anlässlich der Eröffnung ist bis heute vollständig überliefert. Sie endet mit den Worten: „In diesem Sinne erkläre ich die Zollschule Velen für eröffnet.“

Zwischen 1935 und 1942 fanden in Velen Lehrgänge für den mittleren Dienst, später auch für Abfertigungsbeamte sowie Umschulungen statt. Dabei hielten auch weltanschauliche und politische Schulungen des nationalsozialistischen Regimes Einzug in den Lehrplan.

Postkarte aus Ramsdorf, o.D. Zeichnungen des Empfangsgebäudes des Ramsdorfer Bahnhofs, 1903 - 1

Die Lehrgangsteilnehmer waren zugleich im öffentlichen Leben Velens präsent. Sie nahmen als eigenständige Formation immer wieder an Kundgebungen und Feierlichkeiten teil. Anders als die vorherige Nutzung des Schlosses durch die SA soll die Zollschule innerhalb der Velener Bevölkerung durchaus Sympathien genossen haben.

Die Anwärter kamen dabei längst nicht nur aus der näheren Umgebung. Neben Teilnehmern aus dem Finanzamtsbezirk Münster wurden auch Anwärter aus Düsseldorf, Köln und Karlsruhe sowie später aus dem Sudetenland und dem Protektorat Böhmen und Mähren in Velen ausgebildet.

Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs wurde das Schloss als Lazarett und Krankenhaus genutzt. Der Betrieb der Zollschule kam zu diesem Zeitpunkt zum Erliegen.

Doch Velen blieb Ausbildungsstandort: 1948 wurde die „Lehranstalt für Finanzbeamte“ von Münster nach Velen verlegt. Sie blieb bis 1956, bevor sie nach Lippstadt umzog. Zehn Jahre später, 1966, wurde erneut eine Lehreinrichtung errichtet, die im öffentlichen Sprachgebrauch weiterhin als „Zollschule“ bezeichnet wurde. Sie war über viele Jahre meist vollständig ausgelastet und bestand bis zu ihrer Schließung im Jahr 1987.

Damit prägte die Ausbildung von Zoll- und Finanzbeamten Velen – mit Unterbrechungen und unter sehr unterschiedlichen politischen Rahmenbedingungen – über mehrere Jahrzehnte. Das aktuelle Fundstück aus dem Stadtarchiv erinnert an ein Kapitel der Ortsgeschichte, das eng mit der wechselvollen Geschichte von Schloss Velen verbunden ist.

Quellen:

Räker, Jörg: Die Zollstellen im Bezirk der Oberfinanzdirektion Münster (1818–2015). Münster, 2015.

Fasse, Norbert: Katholiken und NS-Herrschaft im Münsterland. Das Amt Velen-Ramsdorf 1918–1945. Bielefeld: Verlag für Regionalgeschichte, 1996.

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